Geschichte für einen Augenblick

Supapawer!

Wie sieht heutzutage eine Flaschenpost aus? Vielleicht wie eine angeschwemmte Hello-Kitty-Brotbox? Die halbjapanische Autorin Ruth und ihr deutscher Mann Oliver finden die Dose am Strand ihrer kleinen kanadischen Insel: Sie enthält ein Tagebuch in japanischer Sprache im Einband von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Interessiert beginnt Ruth mit der Lektüre und liest auch ihrem Mann aus der Handschrift vor.

Immer weiter werden die beiden in die Notizen der Jugendlichen Nao gezogen, die in den USA aufgewachsen ist. Unfreiwillig kehrt sie mit ihren Eltern nach Japan zurück, als der Vater seinen Job in einem Start-up-Unternehmen verliert.  

Nach diesem Scheitern kann die Familie sich in ihrer leistungsorientierten Heimat nicht mehr blicken lassen, nach einem Selbstmordversuch des Vaters muß eine Strafgebühr an die Bahngesellschaft gezahlt werden. Naos Schulalltag wird zunehmend bedrohlicher und absurder, mit Mühe verbirgt sie die blauen Flecken von den täglichen Schlägen ihrer Mitschüler. 

Zur Bestürzung von Ruth und Oliver häufen sich die Anzeichen, daß Nao ihr junges Leben beenden möchte, vorher möchte sie ihren ungeahnten Lesern aber die Biographie ihrer Urgroßmutter hinterlassen. Jiro ist nach dem gewaltsamen Tod ihres Sohnes als Kamikazefliegers ins Kloster gegangen, die nunmehr Hundertvierjährige hält aber per Mail und SMS Kontakt zu ihrer geliebten Urenkelin. 

Wie können die mitfühlenden kanadischen Leser von Naos Tagebuch – und damit auch wir – herausfinden, was aus ihr geworden ist? Was haben die Aufzeichnungen ihres in den Tod geflogenen Großvaters mit ihrem Leben zu tun? Wenn das Internet angeblich nicht vergißt, warum verblassen dann die wenigen Spuren ihrer Familie im Netz? 

Zwischen Zen und Quantenmechanik, dem Zweiten Weltkrieg und der Gegenwart nach Fukushima, im zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Japan und der schrägen Aussteiger-Community einer kleinen kanadischen Insel bewegt sich dieser wilde und schöne Roman. 

Wer zurecht bedauert, daß diese Geschichte irgendwann zu Ende geht, findet etwas Trost in einem kleinen wissenschaftlichen Anhang, den uns die Autorin gönnt, von der wir zukünftig wohl alles lesen werden.

Ruth Ozeki: Geschichte für einen Augenblick, S. Fischer Verlag

Leseprobe

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